Warum dein Nervensystem keine CI/CD-Pipeline ist
Was passiert, wenn du deinen Körper wie einen Server behandelst – und warum der Build grün sein kann, während du innerlich noch im Incident-Modus steckst.
Oder: Was passiert, wenn du deinen Körper wie einen Server behandelst
Du kennst das: Der Build ist rot, Slack explodiert, und irgendwo in deinem Bauch zieht sich etwas zusammen. Dein Herz schlägt schneller. Die Hände werden kalt. Du funktionierst noch – aber irgendwas in dir ist schon im Notfall-Modus.
Zwei Stunden später ist das Problem gelöst. Der Build ist grün. Alle sind zufrieden.
Nur du nicht.
Du sitzt vor dem Rechner, starrst auf den Code, und fühlst dich... leer. Oder immer noch angespannt. Oder beides gleichzeitig. Dein Körper hat offenbar nicht mitbekommen, dass das Ticket geschlossen ist.
Der Körper hat kein Jira
In der Software-Welt lösen wir Probleme, und dann sind sie gelöst. Deployment erfolgreich? Done. Nächstes Ticket.
Der Körper funktioniert anders.
Wenn dein Gehirn „Gefahr" meldet – und ja, ein kritischer Bug in Production zählt dazu – passiert etwas Physisches. Hormone werden ausgeschüttet. Cortisol, Adrenalin. Die brauchen Zeit, um abgebaut zu werden. Nicht Sekunden. Minuten bis Stunden.
Das heißt: Du kannst den Incident closen, aber dein Körper läuft noch auf Hochtouren. Er weiß nicht, dass du gewonnen hast. Er ist noch beim Kämpfen.
Und wenn du das ignorierst – wenn du einfach weitermachst, nächstes Ticket, nächster Sprint – dann stapelt sich das. Nicht als offene Tickets. Als Erschöpfung. Als dieses diffuse Gefühl, dass alles irgendwie zu viel ist, obwohl du „eigentlich nichts gemacht" hast.
Warum wir so schlecht darin sind, runterzufahren
Ich glaube, es hat mit unserer Arbeit zu tun.
Wir sind trainiert, Systeme zu optimieren. Schneller, effizienter, skalierbarer. Wir lieben es, wenn Dinge funktionieren. Und wir übertragen dieses Denken auf uns selbst.
„Ich müsste nur besser schlafen."
„Ich müsste nur mehr Sport machen."
„Ich müsste nur produktiver sein, dann wäre ich weniger gestresst."
Aber du bist kein System, das man optimiert. Du bist ein Organismus, der Zyklen braucht. Anspannung und Entspannung. Nicht als Belohnung am Ende des Quartals, sondern als täglicher Rhythmus.
Die Ironie: Je mehr du versuchst, dich zu „optimieren", desto mehr ignorierst du die Signale, die dir sagen, dass du gerade überlastet bist.
Was tatsächlich hilft (spoiler: es ist langweilig)
Ich werde dir jetzt keine 7-Schritte-Morgenroutine verkaufen. Keine App. Keinen Biohack.
Was hilft, ist meistens unglamourös:
Pausen, die echte Pausen sind. Nicht „kurz Twitter checken". Aufstehen, Fenster auf, nichts tun. Dein Nervensystem braucht Signale, dass die Gefahr vorbei ist. Die bekommt es nicht von einem anderen Screen.
Atmen. Ja, wirklich. Ein langes Ausatmen aktiviert den Parasympathikus – das ist der Teil deines Nervensystems, der für Regeneration zuständig ist. Es ist keine Esoterik, es ist Biologie. Einatmen, kurze Pause, dann doppelt so lang ausatmen. Drei Mal. Das ist alles.
Bewegung. Nicht weil Sport „gesund" ist (ist er), sondern weil dein Körper die aufgestaute Energie irgendwo hin muss. Stress ist eine körperliche Reaktion. Sie braucht einen körperlichen Ausgang. Spaziergang reicht.
Ehrlichkeit. Manchmal ist das Problem nicht, wie du arbeitest, sondern dass du arbeitest. In einem toxischen Team. An einem sinnlosen Projekt. Für Leute, die dich nicht respektieren. Keine Atemübung der Welt repariert das.
Der eigentliche Punkt
Ich schreibe das hier nicht, weil ich denke, dass Techies alle kaputt sind. Im Gegenteil – ich glaube, wir sind verdammt gut darin, komplexe Probleme zu lösen.
Aber wir wurden nie dafür trainiert, uns selbst als komplexes Problem zu sehen. Eines, das man nicht einfach debuggen kann. Das keine klare Dokumentation hat. Das manchmal irrational reagiert, weil es auf einer anderen Logik läuft – einer, die älter ist als jede Programmiersprache.
Die gute Nachricht: Du musst das nicht alleine rausfinden. Es gibt Wissen darüber, wie dieser Körper funktioniert. Und es ist überraschend praktisch, wenn man erstmal den Wellness-Kitsch beiseite schiebt.
Darum geht's hier. Um das, was wirklich passiert – unter der Oberfläche, hinter dem Terminal.
Das ist Code & Calm. Willkommen.